
Gedanken zum Monatsspruch März von Gottfried Posch
Da weinte Jesus. (Johannes 11, 35)
So besagt es der Monatsspruch für März.
Jesus weint? Warum weint er? Weil ein guter Freund von ihm gestorben ist. Jesus sieht, dass seine Angehörigen leiden. Das bewegt ihn. Als Jesus in Bethanien ankommt, findet er Maria und Martha trauernd vor. Vor vier Tagen ist Lazarus, ein Bruder Marthas, gestorben. Jesus weiß das und kommt ganz bewusst erst am vierten Tag zu Martha - so heißt es in dem Bericht. Ulrich Wilkens schreibt in seinem Bibelkommentar dazu: Nach einem jüdischen Volksglauben halten sich die Seelenschatten des Toten noch drei Tage lang in der Nähe der Leichen auf, um dann endgültig zu entschwinden. Jesus kommt am vierten Tag – also zu einer Zeit, da die Seele bereits endgültig aus dem Körper gewichen ist, also nichts mehr zu hoffen ist.
(Der Körper stinkt schon.)
Auch am vierten Tag sind im Trauerhaus viele Juden um die Trauernden zu trösten. Diese Tröstungszeit erstreckte sich über sieben Tage nach dem Tod. Sie gehörte zu den jüdischen religiösen Liebeswerken. Maria hört durch Martha, dass Jesus in der Nähe ist. Sie steht rasch auf und eilt aus dem Hause um Jesus zu begegnen. Ihr folgten diejenigen, die zu Besuch bei ihr zu Hause weilen, denn es war üblich, die Trauernden nicht alleine zu lassen. Als Maria an die Stelle kam, wo Jesus war, warf sie sich ihm zu Füßen und sagte: „Herr, wenn du hier gewesen wärst, dann wäre mein Bruder nicht gestorben“. Als Jesus sah, wie sie weinte und ebenso die Juden, die mit ihr gekommen waren, wurde er innerlich aufgewühlt und sehr erregt. „Wo habt ihr ihn hingelegt?“ fragte er sie. „Komm und sieh selbst“, antworteten die Leute. Da brach Jesus in Tränen aus. „Seht, wie lieb er ihn gehabt hat“, sagten die Juden.
Als Jesus sah, wie Martha weinte und ebenso die Juden, teilte er den Schmerz der Trauernden. Er weinte mit. O ja, ich weiß, wie das ist mit dem Mitweinen. In meiner Anfangszeit als Jugenddiakon war ich bei einer Beerdigung von drei Jugendlichen aus meiner Jugendgruppe, die auf eine schreckliche Weise ums Leben kamen. Ein amerikanischer Panzer sah das Auto der Jugendlichen nicht, in dem sie saßen, und überrollte sie. Am Grab, als der Sarg in die Erde versenkt wurde, schrie seine Schwester ganz laut und verzweifelt schluchzend den Namen eines der Jugendlichen. Das war so bewegend, dass alle weinten. So stelle ich mir auch die Szene am Grab vom Lazarus vor. Es war keine stille Trauer, kein stilles Weinen, sondern ein lautes Wehklagen und Schreien, denn es war damals eine jüdische Sitte, den Toten damit zu ehren, je hemmungsloser und lauter das Weinen war. Ganz anders Jesus. Er wehklagte nicht laut, sondern war zutiefst erschüttert. Er weinte. Er weinte aus Mitgefühl. Er weinte mit und zeigte somit seine Menschlichkeit und seine Nähe zum menschlichen Leid. Jesus schämte sich seiner Tränen nicht. Augustinus sagt: „Christus weinte als Mensch und erweckte Lazarus als Gott“. Da wird die Bedeutung der Aussage über Jesu „Wahrer Mensch und wahrer Gott“ so richtig klar.
Von Jesus wird berichtet, dass er wegen des Todes von Lazarus, seines Freundes, weint, sodass die anderen sagen: Seht, wie er ihn geliebt hat. Da muss wohl eine besondere Beziehung vorhanden gewesen sein, denn das Ausmaß der Trauer hängt nicht vom Alter oder der Todesursache ab, sondern von der Qualität der Beziehung zu diesem Menschen. Und die muss von Jesus her groß gewesen sein.
Maria, Martha und die anderen Trauernden nehmen auf ihre Art und Weise Abschied von Lazarus. Welcher Abschied in meinem Leben hat mich bisher am meisten bewegt? So frage ich mich. Welche Gefühle habe ich dabei empfunden? Ich war gerade mal zehn Jahre alt geworden, als meine Großmutter starb, bei der ich bisher lebte. Sie wurde krank, ich kam zu meiner äußerst strengen, alleinerziehenden, lieblosen Mutter, die ich kaum kannte. Einige Wochen später sagte mir meine Mutter, dass meine Omi, zu der ich bisher „Mutti“ gesagt hatte, gestorben ist. Ich fing tagelang immer wieder zu weinen an. Manchmal leise, manchmal laut. Es war in mir etwas zerbrochen. Ich wusste, dass es endgültig war und ich meine innig geliebte Oma nie mehr wieder sehen werde. Als ich wieder einmal laut darüber geweint habe, fuhr mich meine Mutter an: „Jetzt hör endlich auf zu plärren.“ Keine Umarmung, kein Trostwort… es begannen dunkle Zeiten für mich. Heute weiß ich: Auch damals war Jesus bei mir. Er weinte mit mir. In all meinem Leid und all meiner Trauer, all meiner Verzweiflung.
Durch seine Tränen zeigt mir Jesus, dass es in schwierigen Zeiten in Ordnung ist, zu trauern und meine Gefühle auszudrücken. Zu weinen, aber auch mitfühlend, mitleidend zu sein. Ich brauche mich meiner Tränen nicht zu schämen.
