
Gedanken zum Monatsspruch Juni 2026 von Gottfried Posch
„Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib!“ (Hebräer 13, 3) So schreibt der Verfasser des Hebräerbriefes in seinen Schlussworten. Er fordert die Leser auf, ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen. Dazu gibt er einige Hinweise: Bleibt fest in der brüderlichen (geschwisterlichen) Liebe; gastfrei zu sein vergesst nicht; die Ehe soll in Ehren gehalten werden; seid nicht geldgierig, und lasst euch genügen an dem, was da ist. Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib.
Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene. Das klappt heutzutage eigentlich nur, wenn man einen Gefangenen persönlich kennt, eine Beziehung zu ihm hat, selbst schon einmal im Gefängnis war, oder wenn man ernsthaft versucht, sich in die Lage von Inhaftierten bzw. von Misshandelten hineinzuversetzen. Nur dann wird man innerlich bereit sein, sich um diese zu kümmern, an diese zu denken, für sie zu beten.
Welche Hilfsmöglichkeiten die damaligen hebräischen Christen, also die, die zur christlichen Gemeinde gehörten, in Zeiten der Verfolgung und Bedrängnis hatten, wissen wir nicht. Sie waren ja selbst teilweise Opfer von Verfolgung und militärischer Gewalt und Unterdrückung. So schreibt der Verfasser des Hebräerbriefes im zehnten Kapitel „Wisst ihr noch, wie standhaft ihr das alles ertragen habt? Einige von euch wurden in aller Öffentlichkeit beschimpft und misshandelt; die Übrigen standen denen, die das durchmachen mussten, treu zur Seite. Auch mit denen, die im Gefängnis waren, habt ihr gelitten.“ (NGÜ) Und diese Hilfe, diese tätige solidarische, christliche Nächstenliebe, war zu den damaligen politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten nicht ganz ungefährlich.
Denkt an die Gefangenen. Was war damals damit gemeint? Diese Aufforderung meinte, es müsse mehr sein, als nur die Gefangenen zu bedauern. Es soll mehr sein, als dass nur für sie gebetet wird. Das schließt nach der damaligen Praxis mit ein, dass sie besucht werden sollen. Denn die damals Inhaftierten hatten es besonders nötig. Dazu gehörte, dass man den Gefangenen Essen und Kleidung brachte, Geld sammelte um sie freizukaufen.
Übrigens: Jesus betonte in seine Rede vom Weltgericht die Notwendigkeit, Gefangene zu besuchen. Er sagte: Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen… ich bin krank und im Gefängnis gewesen, und ihr habt mich nicht besucht. Zu den beiden angesprochenen Gruppen sagt er: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan bzw. mir nicht getan.“ Beide Handlungsweisen haben Folgen. Die einen werden an den Ort der ewigen Strafe gehen, die anderen ins ewige Leben. In das Reich Gottes, in den Himmel.
An diese Aussage Jesu mag auch der Schreiber des Hebräerbriefes gedacht haben, wenn er in seinem Brief schreibt: Gebt den Glaubensmut jetzt nicht auf! Er wird einmal reich belohnt werden. Was ihr jetzt nötig habt, ist Standhaftigkeit. Denn wenn ihr Gottes Willen tut (denkt an die Gefangenen, die Misshandelten) werdet ihr einmal erhalten, was er euch zugesagt hat. Es wird nicht mehr lange dauern, bis Jesus wiederkommt! Welch eine Perspektive! Eine Perspektive, die Mut macht und Durchhaltevermögen erzeugt.
Wie die Hebräer mit diesem Brief umgegangen sind, wie sie ihn in ihrem Leben ganz praktisch umgesetzt haben, weiß ich nicht. Aber ich denke, dass die Sorgen um die gefangenen Mitgeschwister ganz real waren und damals sehr ernst genommen wurden.
Ja, die sollten wir auch heute im Blickfeld haben. Wenn ich ehrlich bin, habe ich zu diesem Themenbereich fast keinen Bezug. Ich kenne keine Gefangenen und bin auch keinen begegnet und weiß auch gar nicht, ob ich in der Lage wäre, einen Gefangenen zu besuchen. Aber ich weiß, dass es bei uns christliche Gefängnisseelsorger gibt, die eine sehr wertvolle Arbeit leisten, und das unverzichtbare christliche Hilfswerk Open Doors, das weltweit verfolgte Christen unterstützt in Form von Nothilfe und Traumabegleitung und Hilfe leistet für Familien von verfolgten oder inhaftierten Christen. Die gilt es in jeder Form zu unterstützen!
„Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib!“ Der Monatsspruch ruft mich auf, Nächstenliebe zu zeigen und die Lasten anderer mitzutragen. Er ruft dazu auf, sich um diejenigen zu kümmern, die gefangen sind. Gefangen in Angst und Einsamkeit, in Strukturen, aus denen sie nicht heraus können. Gefangen in Gedanken, aus denen es keinen Ausweg zu geben scheint. Sie alle bedürfen der Liebe und Zuwendung Gottes – und meiner Hilfe, soweit es mir selbst mit Gottes Hilfe möglich ist.